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Betont souverän


Harald Neuber Staatschefs von Brasilien, Kolumbien, Spanien und Venezuela vereinbaren engere Kooperation. Politisch symbolträchtige Erklärung zum Kampf gegen Armut. Rückendeckung für Chávez Schon bevor der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero am Dienstag in der venezolanischen Handelsstadt Guayana mit Hugo Chávez, dem Präsidenten Venezuelas, sowie den Staatschefs von Brasilien und Kolumbien zusammentraf, war klar, daß der Gipfel vor allem politische Symbolwirkung haben wird. Zwar schlossen die beiden Politiker auch ein Geschäft zum Kauf spanischer Militärflugzeuge und -boote ab. Vor allem aber ging es bei dem Vierertreffen darum, ein Zeichen gegen den historischen Allmachtsanspruch Washingtons in Lateinamerika zu setzen. Schon kurz nach seiner Wahl im März 2004 hatte Zapatero schließlich angekündigt, eine von der US-Regierung unabhängige Politik in den Ländern südlich des Rio Bravo zu betreiben. Am Dienstag lieferte er einen weiteren Beweis für diesen Politikwechsel gegenüber der rechtskonservativen Vorgängerregierung unter José Maria Aznar, der bei seinen Kontakten mit lateinamerikanischen Regierungen weitgehend die Vorgaben aus den USA umgesetzt hatte. In der Abschlußerklärung nannten Chávez, Luis Inacio »Lula« da Silva, Alvaro Uribe und Zapatero den Kampf gegen die Armut in der Region als vorrangiges Ziel einer gemeinsamen Politik. Die zunehmende Armut sei schließlich »eine der ersten Ursachen für die politische Destabilisierung weltweit«, heißt es in dem gemeinsamen Dokument. Die Formulierung war bewußt gewählt. Noch zu Wochenbeginn hatte das US-Außenministerium die Reise Zapateros nach Venezuela – und vor allem das bereits im Vorfeld angekündigte Rüstungsgeschäft zwischen Madrid und Caracas – scharf kritisiert. Der Verkauf der Militärflugzeuge und -boote könne das »Gleichgewicht in der Region stören«, hatte es in Washington dazu geheißen. Dessenungeachtet wurde der Vertrag noch am Dienstag unterzeichnet. Zapatero betonte bei einer Pressekonferenz im Anschluß an die politischen Gespräche Spaniens Politik der Kooperation mit den iberoamerikanischen Staaten. »Venezuela ist ein Teil dieser Staatengemeinschaft«, fügte der der spanische Ministerpräsident hinzu. Unterstützung erhielt er dabei von dem brasilianischen Amtskollegen da Silva. »Ich denke, daß Venezuela das Recht hat, auf seine nationale Souveränität zu bestehen, ohne sich deswegen irgendwelchen Anschuldigen aussetzen zu müssen«, sagte da Silva. Chávez verwies auf den direkten Zusammenhang mit der immer aggressiveren Rhetorik aus Washington. Das dortige Außenministerium hatte Venezuela zu Wochenbeginn eine Verschlechterung der Menschenrechtslage unterstellt. »Bei uns gibt es keine politischen Gefangenen und keine solche Verfolgung«, entgegnete der venezolanische Präsident dieser Kritik, »aber es gab einen Putschversuch und eine breitangelegte Sabotagekampagne in der Erdölindustrie«. Die vier Staatschefs sprachen sich auch für eine »Verteidigung der multipolaren Weltordnung auf der Basis der nationalstaatlichen Souveränität« aus. Die regionale Wirtschaftsintegration wurde als Konzept gegen den neoliberalen Welthandel befürwortet. Besondere Bedeutung maßen die Teilnehmer in diesem Zusammenhang der Gründung der »Südamerikanischen Staatengemeinschaft« im vergangenen Dezember im peruanischen Cusco zu. Die südamerikanische Freihandelszone Mercosur bezeichneten die Gipfelteilnehmer als wichtiges Element für eine engere regionale Kooperation. Erstaunlich zurückhaltend war der kolumbianische Präsident Alvaro Uribe Vélez. Auch seine Teilnahme hatte indes einen hohen symbolischen Wert, nachdem erst vor wenigen Wochen eine schwere diplomatische Krise zwischen Kolumbien und Venezuela beigelegt werden konnte. Die venezolanische Regierung hatte die Kontakte zum Nachbarland abgebrochen, nachdem im Dezember ein von Bogota bezahltes Söldnerkommando einen Kommandanten der marxistischen FARC-Guerilla aus Caracas entführt und nach Kolumbien verschleppt hatte. Die USA unterstützen den Kampf gegen die linken Guerillaorganisationen in Kolumbien seit Jahren mit milliardenschweren Militärhilfen.

Was kostet die Welt?


Ralf Grötker 30.03.2005
Kosten-Nutzen-Analysen zeigen: Wir unternehmen zu wenig, um uns gegen zwar unwahrscheinliche, aber katastrophale Risiken vom Kaliber etwa eines Asteroideneinschlags zu schützen
Entführte Flugzeuge, die gegen ein Hochhaus gelenkt werden; eine Flutwelle, die mehreren hunderttausend Menschen das Leben kostet - im Werbespot und im Science-Fiction Film wurden diese Katastrophen in Szene gesetzt, bevor sie sich in der Realität ereigneten. Gerechnet hatte trotzdem niemand mit diesen Ereignissen - auch wenn sich im Nachhinein herausstellte, dass ein Tsunami, wie er Weihnachten 2004 die Küsten des Indischen Ozeans verwüstete, statistisch betrachtet keine große Seltenheit ist (Die Weihnachtsflut kam nicht wirklich überraschend), und auch ein Anschlag wie jener auf das WTC von der North American Aerospace Defense Command (NORAD) für so wahrscheinlich gehalten wurde, dass bereits vor dem 11. September Übungen für den Ernstfall durchgeführt wurden (Anschläge mit entführten Flugzeugen als Bomben waren vorstellbar).




Wie steht es um andere denkbare Katastrophen? Unternehmen wir genügend zum Kampf gegen die Ausbreitung von Infektionskrankheiten und den globalen Bioterrorismus, gegen Cyberterrorismus und gegen Gefahren, die uns durch Nanoroberter und Artificial Intelligence erwachsen könnten? Fassen wir die Gefahr einer plötzlichen globalen Erwärmung wirklich hinreichend realistisch ins Auge? Dieser Frage geht Richard Posner in seinem neuen Buch Catastrophe. Risk and Response nach - und kommt zu überraschenden Ergebnissen.

Auch wenn sie noch so realistisch gehalten sind: Science-Fiction Romane und Katastrophenfilme wie "Deep Impact", Armaggeddon, The Day after Tomorrow) oder der Terminator tragen durch ihre Verquickung von Technik-Phantasien mit religiös inspiriertem Weltuntergangsglauben dazu bei, dass wir Warnungen vor Asteroideneinschlägen, Klimakatastrophen oder einer Machtergreifung der Maschinen als lächerlich abtun. Alles nur Fantasy und Fiction!

Dies zu glauben, ist ein Fehler, meint Richard Posner. Richard Posner, Richter am U.S. Court of Appeals for the Seventh Circuit, gilt als führender Kopf der Law and Economics-Bewegung und ist Autor von Büchern und Aufsätzen über geistiges Eigentum, Privacy, die Lewinsky-Affäre und die umstrittene US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2000. Posner hat nachgerechnet - und eine Kosten-Analyse erstellt, die uns nahe legt, dass wir mehr zum Schutz von Megakatastrophen unternehmen müssten, als wir das derzeit tun.

"Von Asteroid erschlagen" - so wahrscheinlich wie ein Flugzeugabsturz

Einer der Fälle, denen Posner nachgeht, ist die Gefahr, dass die Erde mit einem Asteroiden zusammenstößt. Posner schätzt, dass 1.148 Asteroide mit einem Durchmesser von einem Kilometer und mehr als möglicherweise gefährliche erdnahe Objekte ( "PHOs" = potentially hazardous near-earth objects) betrachtet werden müssen. Das persönliche Risiko, bei einem Asteroideneinschlag ums Leben kommt, wird von Wissenschaftlern, die Posner zitiert, ungefähr so hoch eingeschätzt wie die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz oder bei einer Flut tödlich zu verunglücken.

So könnte es aussehen, wenn ein großer Asteroid auf der Erde einschlägt. Bild: Nasa

Statistisch betrachtet, schreibt Posner, ereigne sich alle 500 bis 1.000 Jahre ein Zusammenstoß eines PHO mit der Erde (Gewaltiger Asteroid fliegt nahe an der Erde vorbei). Selbst ein kleiner Asteroid mit einem Durchmesser von nur fünfzig Metern, wie er 1908 im sibirischen Tunguska einschlug (Was, wenn sich eine "fat banana" in unseren Planeten bohrt?), setzt eine Energie von zehn bis fünfzehn Megatonnen frei. Ein Land wie Belgien würde durch einen solchen Einschlag von der Landkarte radiert. Einige Geologen und Paleontologen glauben, dass der Einschlag eines Asteroiden mit einem Durchmesser von zehn Kilometern in Mexiko vor 65 Millionen Jahren zum Aussterben der Dinosaurierer führte. Auch die menschliche Rasse würde durch einen solchen Einschlag vernichtet werden. Mit Kollisionen dieser Größenordnung, so Posner, sei alle 50 Millionen bis 100 Millionen Jahre zu rechnen.

Ein Asteroiden-Warnsystem

Ein Einschlag alle 50 bis 100 Millionen Jahre - das ist nicht gerade häufig. Aber wenn man davon ausgeht, dass ein solcher Asteroid sechs Milliarden Menschen töten würde, und den Schaden aufs Jahr umrechnet, sieht die Sache anders aus: die erwartbare Anzahl der Todesfälle beträgt dann immerhin achtzig pro Jahr!

3,9 Millionen Dollar gibt die NASA jedes Jahr aus, um einen Katalog aller erdnahen Objekte aufzustellen. Maßnahmen zur Bekämpfung der Gefahr sind mit diesem Frühwarnsystem allerdings noch nicht verbunden: Um einen Asteroiden zum Explodieren zu bringen oder aus seiner Bahn zu werfen, bräuchte es größere militärische Anstrengungen (Sancho beobachtet Hidalgo). Gegen kleinere Einschläge allerdings könnte man sich bereits mit rechtzeitigen Evakuationen wappnen.

Die Summe von 3,9 Millionen Dollar muss man auch in Relation zum möglichen Schaden betrachten. 3,9 Millionen, rechnet Posner vor, wären zwar, quasi als Versicherung, angemessen, wenn man allein die statistisch extrem unwahrscheinliche Variante eines Einschlages ins Auge fasst, der zur Auslöschung der gesamten Menschheit führt. In dieser Rechnung aber sind noch nicht die kleineren Unfälle enthalten, die mit einer jährlichen Wahrscheinlichkeit von 1:250.000 auftreten und immerhin noch 1,5 Milliarden Menschen töten können.

Der Wert des Lebens

Die maßgebliche Größe für die Berechung der Auswirkungen von Megakatastrophen ist der Wert eines einzelnen menschlichen Lebens. Anhand von Versicherungsverträgen und von Gefahrenzulagen für besonders risikoreiche Berufe, aber auch mit Blick auf verbreitete Einstellungen gegenüber Risiken, die sich am Gebrauch von Sicherheitsgurten beim Autofahren oder am Konsum von Zigaretten ablesen lassen, beziffern US-Ökonomen diesen Wert eines Lebens auf vier bis neun Millionen Dollar. Genauer gesagt: Beträgt das Risiko, tödlich zu verunglücken, 1:1000, fordern die meisten Menschen dafür eine Kompensation von vier bis neun Millionen Dollar.

Aber im Umgang mit diesen Zahlen, erklärt Posner, ist Vorsicht geboten. Denn man kann nicht schlussfolgern, dass bei einem Risiko von eins zu einer Million sich die genannte Summe im entsprechenden Maße verkleinert. Die mathematische Funktion, welche beschreibt, mit welchem Preisschild Menschen ihr Leben versehen, ist nichtlinear. Ist das Risiko sehr groß, steigt die Summe, die verlangt wird, um das Risiko in Kauf zu nehmen, ins Unendliche. Geringe Risiken hingegen ist man bereit, auch dann zu tolerieren, wenn der Gewinn, den man dafür erhält, vergleichsweise gering ist. (Die Tatsache, dass viele Menschen nur um einer geringer Zeitersparnis halber das Risiko auf sich nehmen, bei Rot die Straße zu überqueren, zeugt davon.)

Dass unsere Präferenzen sich nichtlinear verhalten, hat eine paradoxe Konsequenz: Der Wert eines Lebens ist größer, wenn es um einen eher wahrscheinlichen Unfall, und kleiner, wenn es um einen unwahrscheinlichen Unfall geht. Vereinfacht dargestellt, belaufen sich nach dieser Rechnung die Kosten für eine extrem unwahrscheinliche Megakatastrophe fast auf Null - während der Schaden eines zwar wahrscheinlichen, aber geringeren Unfalls immens ist. Und zwar selbst dann, wenn beide Fälle, mathematisch betrachtet, äquivalent sind.

Simulation des Einschlags eines Komets oder Asteroiden mit einem Durchmesser von 1 km im Meer. 300 bis 500 Kubikkilometer Wasser würden sofort verdampfen. Der Aufschlag entspräche einer Energie von 300 Gigatonnen TNT, das wären die Zehnfache Explosivkraft aller in den 60er Jahren, dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, vorhandenen Atomwaffen. Bild: Sandia National Laboratories

Mehr für die Asteroidenabwehr!

Mit Hilfe dieser Überlegungen lässt sich nun berechnen, welchen Schaden ein Asteroid verursacht, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:250.000 (d.h. alle 250.000 Jahre) auf die Erde einschlägt und immerhin noch 1,5 Milliarden Menschen tötet.

In diesem Wahrscheinlichkeitsbereich beträgt der Wert eines Lebens nach Posners Rechnung etwa zwei Millionen Dollar. Der zu erwartende Schaden durch einen Einschlag eines solchen Asteroiden beläuft sich demnach auf zwölf Milliarden Dollar. Dies bereits aber ist ein Vielfaches dessen, was allein die USA jährlich zur Abwehr von erdnahen Objekten ausgibt. Die Kosten, die eine (seltenere) Megakatastrophe von größerem Ausmaß verursachen würde, sind in der Rechnung noch nicht enthalten.

Katastrophe im Teilchenbeschleuniger

Auf ähnliche Weise geht Richard Posner ein weiteres Katastrophenszenario an: einen Unfall in einem Teilchenbeschleuniger wie dem Brookhaven National Laboratory in Long Island (RHIC) oder der geplanten Anlage am CERN in Genf (Materie und Antimaterie), bei dem es zur Entstehung von so genannten "seltsamen Quarks" oder "strangelets" kommt. Laut Martin Rees, Physikprofessor in Cambridge und britischer "Astronomer Royal", den Posner als Autorität zitiert, könnte ein "strangelet" alles, mit dem es in Berührung käme, in eine seltsame neue Form von Materie verwandeln. Ein "strangelet-Unfall", so Rees, könnte den gesamten Planeten Erde in eine hyperdichte Kugel von nur hundert Metern Durchmesser verwandeln.

Es ist unklar, wie wahrscheinlich ein solcher Unfall ist. Posner setzt das jährliche Risiko bei eins zu zehn Millionen an - einem Querschnitt der Expertenmeinungen. Der Direktor des RHIC in Brookhaven und sein Team geben eine höhere Wahrscheinlichkeit als obere Grenze an: eins zu einer Million.

Was das bedeutet, kann man sich leicht ein einem Beispiel deutlich machen: Angenommen, die Römer hätten im Jahre 400 v. Chr. einen Teilchenbeschleuniger mit diesem Risikofaktor in Betrieb genommen. Dann bestände, auf 2.000 Jahre betrachtet, eine Unfallgefahr von 1 zu 500! Ein anderes Beispiel: Ein jährliches Risiko von eins zu einer Million, dass jemand an Arsen-vergiftetem Trinkwasser stirbt, würde den USA einen Zoll von 300 Todesopfern im Jahr abverlangen.

600 Trillionen Dollar kostet die Auslöschung der Menschheit

Bei einer Seltsame-Quarks-Katastrophe steht das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Spiel. Welchen Wert soll man hierfür ansetzen?

Posner führt zwei Faktoren an, die zusätzlich zu der nichtlinearen Funktion, anhand sich der Wert eines Lebens bestimmt, zu beachten sind. Zum einen ist es eine psychologische Tatsache, dass wir Risiken, die unterhalb einer gewissen Schwelle liegen, gänzlich außer Betracht lassen - und auch außer Betracht lassen wollen. Zum anderen aber gewichten wir Risiken derselben Größenordnung, die mit besonders schauerlichen Szenarien verbunden sind, wiederum um Vieles stärker, als dies nach Maßgabe der nichtlinearen Präferenzfunktion geboten wäre. Die durch Markterhebungen dokumentierte Bereitschaft von Flugpassagieren zum Beispiel, in der Folge von 9/11 deutlich höhere Ticketpreise und aufwändigere Kontrollen zu akzeptieren, zeugt davon.

Wahrscheinlich sollte man diesen "Katastrophenfaktor" mit berücksichtigen, wenn man kalkulieren will, was die Auslöschung der Menschheit, in Geld ausgedrückt, kostet. Posner setzt trotzdem lediglich einen Mindestwert an: Er geht aus von der Summe, die sich nach der nichtlinearen Nutzenfunktion für Risiken der Größenordnung einer Seltsame-Quark-Katastrophe ergibt. Das sind 50.000 Dollar für jedes Lebens. Diese Summe verdoppelt er lediglich - weil einerseits zwar auch zukünftige Leben verhindert wird, es aber andererseits, wenn die gesamte Menschheit ausgelöscht wird, keine trauernden Hinterbliebenen gibt. Bei sechs Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde macht das 600 Trillionen Dollar. Umgerechnet aufs Jahr ergeben sich, bei einem Risiko von ein zu zehn Millionen, daraus jährliche Kosten in Höhe von sechzig Millionen Dollar.

Gewinne und Verluste

Lohnt sich bei solchen Durchschnittskosten der Betrieb eines Teilchenbeschleunigers überhaupt noch? In der Gesamtrechung müssen diese sechzig Millionen zu den jährlichen Betriebskosten (130 Millionen Dollar) hinzuaddiert werden. Außerdem kommen noch Baukosten in Höhe von 600 Millionen Dollar hinzu.

Der durch einen Teilchenbeschleuniger zu erwartende Nutzen, den man diesen Zahlen gegenüber stellen muss, lässt sich nicht klar kalkulieren: Der gesellschaftliche Gewinn ist ungewiss und der Nutzen für die Grundlagenforschung schwer zu ermessen und noch schwerer zu beziffern, da es für Forschungsresultate dieser Art nur in geringem Maße einen Markt gibt.

Aber egal: was immer auch, auf lange Sicht, der soziale Nutzen von wissenschaftlichem Fortschritt sein wird, die uns der Teilchenbeschleuniger ermöglicht: Glücklicher wird uns dieser Forschritt kaum machen (Größtmögliches Glück für alle!). Und was den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn betrifft, resümiert Posner, sollten wir uns an eine ökonomisch zurechtgebogene Version des Vorsorgeprinzips halten. Selbst bei einer Gewinnchance von fünfzig Prozent wäre kaum jemand bereit, seinen gesamten Besitz zu verwetten:

Simpel ausgedrückt: Der Schaden durch den Verlust eines Armes würde größer sein als der Gewinn, den man durch den Erwerb eines dritten Armes erzielen könnte.


Die ganze Welt der Katastrophen

Auf ähnliche Weise nähert sich Richard Posner auch anderen Katastrophenszenarien: neuen Pandemien) und im Labor gezüchteten Killerviren, die Bioterroristen frei zu Verfügung stehen, plötzlicher globaler Erwärmung, den Risiken von Nanorobotik und Artificial Intelligence, Cyberterrorismus sowie der Ausbreitung von genetisch modifiziertem Saatgut).

Nicht in jedem Fall lassen sich die Risiken, der mögliche Schaden und die Kosten, die zur Verhinderung der Katastrophe aufgewendet werden müssten, akkurat beziffern. Eine generelle Linie wird trotzdem deutlich: Selbst wenn man die Risiken so niedrig wie möglich ansetzt, wird die aktuelle Politik den Gefahren kaum gerecht. Wir müssten mehr ausgeben für die Abwendung von Asteroideneinschlägen, Bioterror, globaler Erwärmung und anderer Katastrophen, als wir dies derzeit tun. Und wir müssen die Risiken wissenschaftlicher Forschung gewissenhafter prüfen.

Dazu, so Posner, bräuchte es eine neue Form der Politikberatung, die sich auf Kosten-Nutzen-Analysen versteht. Das wäre eine Aufgabe für Juristen - wie er selbst einer ist. Dafür allerdings, betont Posner, müssten diese von ihren Vorlieben für die schöngeistigen Humanwissenschaften abgebracht und in ihrer Ausbildung stärker wissenschaftlich geschult werden. Denn genauso wenig, wie die soziale Kontrolle der Wissenschaft den Forschern selbst überlassen bleiben könne, dürfe sie wissenschaftlichen Analphabeten in die Hände gelegt werden.

Schröder auf Rekordjagd


Ulrich Schwemin

Bundesregierung erwartet für März erneut über fünf Millionen Erwerbslose. Springers Welt beschimpft sie. Arbeitsmarktexperte zweifelt an Erfolg von »Hartz IV«

Die Jagd nach deutschen Rekorden steuert am Donnerstag in Nürnberg auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Bundesarbeitsagentur wird die Zahl der März-Arbeitslosen veröffentlichen. Laut Handelsblatt gibt sich die Bundesregierung »zuversichtlich«: Ihre Erwartungen bewegten sich zwischen »Stagnation« und »leichtem Rückgang«, gemessen an der Zahl von 5,216 Millionen Arbeitslosen im Februar.

Im Klartext heißt das: Die Bundesregierung ist zuversichtlich, wieder weit über fünf Millionen Arbeitslose präsentieren zu können. Der Schwachsinn, der sich dahinter verbirgt, hat Methode. Am Dienstag hat der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Christoph Schmidt, zum Beispiel eine deutliche Lockerung des Kündigungsschutzes gefordert. Nicht, um Entlassungen zu erleichtern, versteht sich, sondern »damit es sich für Unternehmen rechnet, neue Jobs zu schaffen, aber auch, damit Arbeitslose wieder rasch integriert werden können«.

»Hartz IV« wird in der Propaganda als positive Arbeitsmarktreform mit dem Ziel der Wiedervermittlung der Erwerbslosen in Arbeit angepriesen. In der Praxis spielt die »Reform« genau die gegenteilige Rolle. Sie erleichtert durch die Einführung von Zwangsarbeit und die legalisierte Enteignung der Erwerbslosen Massenentlassungen.

Solche Widersprüche lassen sich natürlich nicht auf Dauer verbergen. Werden sie deutlicher, mehren sich Zweifel an der Politik. So hat jetzt der Arbeitsmarktexperte Stefan Seel von der Fachhochschule Koblenz kritisiert, daß die Betreuung Arbeitsloser sogar »deutlich schlechter« geworden sei als vor »Hartz IV«. Theoretisch könne die »Arbeitsmarktreform« noch ein Erfolg werden, sagte Seel, aber »praktisch habe ich da meine Probleme«.

Der versprochene Run von Arbeitslosen auf die großen Zeitarbeitsfirmen ist nach einem Bericht der Financial Times Deutschland vom Dienstag ebenfalls ausgeblieben. Zwar gebe es zehn bis 15 Prozent mehr Bewerber, aber die Hoffnung, auf diesem Weg einen festen Job zu bekommen, ist nicht größer geworden. »Wir sind nicht das Auffangbecken all derjenigen, die keinen Job bekommen«, sagte die Sprecherin der Zeitarbeitsfirma »Randstad«, Petra Timm, dem Blatt.

Springers Welt erschien am Dienstag mit den Überschriften »Deutsche Arbeitslose scheuen den Ortswechsel« und »Das träge Heer der Arbeitslosen«. Nach einer von der Zeitung beim Meinungsforschungsinstitut Infratest Dimap in Auftrag gegebenen Umfrage seien von 1 000 befragten Arbeitslosen 630 nicht bereit gewesen, für einen neuen Job den Wohnort zu wechseln. Ziel erreicht: Die Arbeitslosen sind selber schuld. Wer mag noch daran zweifeln?

Der Bundeskanzler! Der hat am Osterwochenende an die Unternehmen appelliert, nach den von der Regierung durchgesetzten »Reformen« wieder in Deutschland zu investieren: »Die Rahmenbedingungen stimmen. Deshalb sollte endlich das ständige Gerede von der Verlagerung von Betriebsstätten und Arbeitsplätzen aufhören«, sagte er. Natürlich war das nur ein Ritual. Schließlich fordert Gerhard Schröder in Sachen Arbeitslosigkeit schon seit 1998 den Durchbruch. Wenn der nicht gelinge, »dann haben wir es nicht verdient, weiter zu regieren.« Aber der Durchbruch ist ja schon da, offiziell über fünf Millionen Arbeitslose auf Dauer – Schröder kann weitermachen.

Im Sicherheitswahn


Helmut Höge

Wirtschaft als das Leben selbst

Seit Auflösung der Sozialismen in der Sowjetunion, in China und in Jugoslawien ist nicht mehr von Klassen die Rede, sondern nur noch von Rassen (Ethnien), Religionen und Nationen. Gleichzeitig schreitet die Entwicklung vom Fürsorge- zum Sicherheits-Staat scheinbar unaufhaltsam voran – in Deutschland mit den Rotgrünen an der Spitze. Nicht nur höhlen hier die polizeilichen Überwachungs- und Kontrollsysteme klammheimlich den Datenschutz und die Privatsphäre der Bürger aus, auch durch das 2003 verabschiedete Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen (»Hartz IV«) sowie durch das Ende 2004 in Kraft getretene erweiterte Gesetz gegen den Menschenhandel entledigt sich der Staat der Verpflichtung, die persönlichen Rechte der Bürger verbindlich zu garantieren. Gleichzeitig mehren sich die höchstrichterlichen Entscheidungen, mit deren Hilfe Industrieunternehmen unter leichthinnigem Verweis auf ihre Schaffung bzw. Sicherung von Arbeitsplätzen ganze Dörfer und Stadtteile einfach zwangsräumen lassen. Dergestalt atomisiert die neoliberale Politik im Verein mit den internationalen Großkonzernen die letzten fragilen Gemeinschaften und noch halbwegs solidarischen Belegschaften zu bloßem Menschenstaub, wobei u.a. mit den positiv gewendeten Begriffen »Flexibilität«, »gesunder Wettbewerb«, »Anpassung an US-Standards« und »Ich-AGs« argumentiert wird.

Seit Margaret Thatchers dummdreistem Diktum »Ich kenne keine Gesellschaft – nur Individuen« ist der alte präfaschistische Sozialdarwinismus wieder hoffähig geworden: Wenn in den frühen achtziger Jahren der Delphin das Totemtier des New Age war, dann ist es jetzt in der New Economy der Wolf, der in Managerratgebern, Eliteuniversitäten und im Feuilleton als vorbildlich für unser zukünftiges Wirtschaften und Weiterleben gepriesen wird. Den rechten Intelligenzlerblättern Spiegel und Focus gilt die ganze Natur inzwischen als ein einziges Fitneß-Center – allwöchentlich kommen sie uns mit neuen Entdeckungen darin: Neidgene, Attraktivitätsgene, Dominanzgene usw.. Wem das zu anspruchsvoll klingt, für den hinterfüttert die Springerstiefelpresse dieses Schweinesystem mit täglichen Horrorgeschichten von zunehmender Ausländergewalt bzw. islamistischen Terroranschlägen.

Hinter dem ganzen nahezu weltweiten Sicherheitszauber gegen den Terrorismus – vormals gerechter Befreiungskampf der unterdrückten Völker der Dritten Welt genannt – steckt die Angst der Kalten Kriegsgewinnler vor einem neuerlichen Klassenkampf. »In Zukunft wird die ›Security of Supply‹ das Wichtigste sein«, meinte neulich ein Manager auf einer internationalen Öl- und Gaskonferenz. Den Reichen und Schönen ist die Sicherheit aber auch ein ganz persönliches Anliegen: Sogar die 23jährige »Havelkönigin« aus Brandenburg hat bereits einen eigenen Bodyguard. Die Industrie- und Handelskammer in Potsdam qualifiziert ihre Arbeitslosen vor allem zu Personenschützern »für Jauch und Joop z.B.«. Vor märkischen Diskos wird man immer öfter nach Waffen durchsucht. Und auf dem Gelände des Golfclubs am Seddinsee, der dem Fürsten Ferdinand von Bismarck gehört, entstand bereits ein erstes Hochsicherheits-Wohnareal für die reichsten Zehlendorfer, das Tag und Nacht von dem renommierten Düsseldorfer Wachdienst DSW »betreut« wird, dessen Gorillas in fünf Minuten zur Stelle sind.

Aber auch die Armen gehen nicht ganz leer aus: In ihren Problembezirken boomen die Selbstverteidigungsschulen und alle Läden, in denen Sicherheit verkauft wird - bis hin zu Videoüberwachungskameras, Rund-um-Versicherungen und Kampfhunden: Schon sind Fahrradschlösser im Angebot, die teurer als die Fahrräder selbst sind.

Nützt ja nischt


Grit Lemke Von Schrottsammlern und anderen Sachsen, die sich nicht unterkriegen lassen: Ein Dokumentarfilm über den Leipziger Osten Wenn Anfang der 90er ein Fernsehteam die Verkommenheit und Hoffnungslosigkeit des Ostens zeigen wollte, gab es nur eine Location. Schnell hatte die sich herumgesprochen: In der Wurzner Straße im Leipziger Osten ließ man die Kamera über Häuserzüge streifen, die wirkten wie ausgebombt, über wilde Autofriedhöfe und Müllhaufen. Wer konnte, zog weg aus diesem No-be-Area – in angesagtere Stadtteile oder gleich in den Westen. Wer blieb, tat das nicht freiwillig und fühlte sich bedroht von denen, die kamen, meist Ausländer. Die zerfallenden Ruinen boten aber auch Unterschlupf für Obdachlose und Fixer. Nach zehn, fünfzehn Jahren hat sich nichts grundlegend geändert, aber viel ist in Bewegung gekommen. Der Leipziger Osten gilt nun als »Stadtteil mit besonderem Entwicklungsbedarf«, was fast schon ein Euphemismus ist. Das gleichnamige Bund-Länder-Förderprogramm unterstützt nicht nur Stadtteilarbeit, kulturelle und soziale Projekte, sondern förderte auch den Dokumentarfilm »Die Liebe zum Schrott und andere Leidenschaften« von Bernhard Wutka und Thomas Doberitzsch. Das ist gut so. Gut ist auch, daß die beiden die ganze Härte, das ganze Elend nur andeuten. Sie setzen auf die Menschen, die ihnen begegnen. So erscheint der Leipziger Osten nicht einfach und vordergründig als sozialer Brennpunkt – obgleich er als solcher deutlich wird – sondern vor allem als Ansammlung von Originalen, von Biographien. Gestrandete, die auf wundersame Weise ihr Leben meistern und noch drüber lachen können. Der Sachse als solcher ist nicht unterzukriegen, und wieder einmal wird klar, daß noch die finsterste Ecke in Leipzig sympathischer ist als jeder Berliner Wir-sind-ja so was-von-angesagt-Schuppen. Der Schrottsammler, der die Liebe und Treue des Schrotts im Gegensatz zu jener der Frauen lobt. Der kleingärtnernde Student, der mit Sektglas in der Badewanne inmitten des Grüns den Leipziger Sommer beschwört. Der Reisebüro-Inhaber, der nicht recht weiß, wer nun was gebucht hat und den Urlaubs-Selbtsversorgern die Schuld gibt, daß er eigentlich vom Flaschenpfand leben muß. Die Sozialarbeiterinnen, die auf der Suche nach ihrer Klientel in Abrißhäusern auf alte Karel-Gott-Platten stoßen. Wutka/Doberitzsch versuchen, ein breites Spektrum abzudecken. Sie zeigen auch den renommierten Künstler, der Häuser bemalt, und den kunstfördernden Hotelier. Auch das ist gut so, wenngleich die angestrebte Breite notgedrungen mitunter zum Verlust von Tiefe führt. Noch besser wäre gewesen, hätten sie tatsächlich mehr beobachtet – wie sie selbst vorgeben. Etwas weniger Statements, die so auch im Fernsehen erscheinen könnten, etwas mehr Hinschauen im Alltag. Dennoch gibt »Die Liebe zum Schrott« allemal einen besseren Einblick in deutsche Befindlichkeiten als alle bemüht lebensnahen Spielfilme der letzten Monate. Und auch Dokfilmer, zumal junge, machen heutzutage lieber Filme darüber, wie schlimm in Lateinamerika alles ist, statt einfach mit der Straßenbahn an den Rand der eigenen Gesellschaft zu fahren. Dabei gibt es dort Lebensweisheiten zu lernen, die in jedes Stammbuch geschrieben gehören: »Wir müssen uns zureschte finden, ’s nützt ja nischt.« Eben. * »Die Liebe zum Schrott und andere Leidenschaften«, Regie: Bernhard Wutka/Thomas Doberitzsch, D 2002, 80 min; heute und morgen, 20 Uhr, Brotfabrik am Caligariplatz, Berlin-Weißensee; im April läuft der Film im Mon Ami, Weimar



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